Die Dystopie der Ida Auken

Wie sich die Dänen Ida Auken, Young Global Leader des Weltwirtschaftsforums, die Welt in 2030 vorstellt.

Schon im Jahr 2016 prognostizierte uns Ida Auken die nahe Zukunft – zu lesen auf der Webseite des Weltwirschaftsforums. Was sich wie ein Zukunftsroman aus der Feder Orwells oder Huxleys liest, könnte, wenn es nach der Dänin geht, schon bald unser aller Realität werden.

Ida Auken ist ehemalige Umweltministerin Dänemarks (2011-2014). Sie ist Mitglied des dänischen Parlaments für die Sozialliberale Partei und Vorsitzende des Klima- und Energieausschusses des Parlaments. Als erste dänische Politikerin wurde Ida Auken vom Weltwirtschaftsforum zum “Young Global Leader” gewählt und sie ist eine der 40 vielversprechendsten jungen Führungskräfte unter 40 Jahren in Europa.

Dass ihre in reichlich Watte verpackte Vision, die ich eher als Dystopie bezeichne, tatsächlich für Milliarden Menschen gedacht sein könnte, ist eher unwahrscheinlich. Zudem muss ich Frau Auken, obwohl ich sie nicht persönlich kenne, eine gewisse Naivität unterstellen. Sie sagt zwar, dass ihr gesamtes Leben aufgezeichnet wird, doch die Antwort nach dem “Weshalb” und von “Wem” lässt sie leider offen.

Auch wie sich ein derartiger Eingriff in ihr Privatleben rechtfertigen lässt, scheint für sie nicht von Relevanz zu sein. Das einzige was ihr schließlich gelingt, ist, zu hoffen, dass diese privaten Dinge nicht gegen sie verwendet würden. Diese Aussage spricht Bände, zeigt sie doch, dass Bürger- und Grundrechte in Aukens schöner neuen Welt belanglos sind und keinerlei Bedeutung mehr haben.

Vielleicht können einige Leser Aukens schwärmerischer Dystopie sogar etwas abgewinnen, möglicherweise finden einige Menschen die totale “shared economy”, die sie uns verkaufen will, sogar erstrebenswert.

Ich tue das nicht und das hat einen Grund: Ich bin ziemlich sicher, dass sich diejenigen, die jetzt mit Hochdruck an der Etablierung derartiger Verhältnisse arbeiten, nicht zu den Besitzlosen in dieser ach so “smarten city” gesellen werden. Ich glaube nicht, dass die Mächtigen und Superreichen dieser Welt tatsächlich ihre Paläste und Landsitze für ein geteiltes Apartment in der Stadt eintauschen werden.

Ich sehe das, was uns Ida Auken vorsetzt, eher als eine Art Neofeudalismus: In dieser schönen neuen Welt werden wir Sklaven einer herrschenden Klasse sein, die uns das allernötigste zum Leben gewährt und uns im Gegenzug mit Hilfe von digitaler Technik unserer Privatsphäre und sämtlicher Rechte beraubt hat.

Doch bilden sie sich ihre eigene Meinung, folgen sie Frau Auken ins Jahr 2030, werfen sie einen Blick in die Zukunft, die das Weltwirtschaftsforum als eine mögliche “neue Normalität” für uns vorgesehen hat.

Ich wünsche ihnen eine spannende Lektüre.

Ida Auken bei ihrem Vortrag auf dem Weltwirtschaftsforum. Quelle: WEF

Ida Auken bei ihrem Vortrag auf dem Weltwirtschaftsforum. Quelle: WEF

Start der Übersetzung

Willkommen im Jahr 2030. Ich besitze nichts, habe keine Privatsphäre, und das Leben war nie besser

Willkommen im Jahr 2030. Willkommen in meiner Stadt – oder sollte ich sagen: “unserer Stadt.” Ich besitze nichts. Ich besitze kein Auto. Ich besitze kein Haus. Ich besitze keine Geräte und keine Kleidung.

Es mag Ihnen vielleicht seltsam erscheinen, aber für uns in dieser Stadt macht das durchaus Sinn. Alles, was wir einmal als Produkt betrachteten, ist in unserer Welt zu einer Dienstleistung geworden. Wir haben Zugang zu Transport, zu Unterkunft, zu Nahrung und all den Dingen, die wir in unserem täglichen Leben benötigen. Nach und nach wurden all diese Dinge kostenlos, so dass es für uns am Ende keinen Sinn mehr machte, viel zu besitzen.

Zuerst wurde die gesamte Kommunikation digitalisiert und für alle kostenlos. Später, als saubere Energie kostenlos wurde, ging es schnell voran. Die Transportkosten sanken dramatisch. Es machte für uns keinen Sinn mehr, Autos zu besitzen, weil wir innerhalb von Minuten ein fahrerloses Fahrzeug oder ein fliegendes Auto für längere Fahrten rufen konnten. Als die öffentlichen Verkehrsmittel einfacher, schneller und bequemer als das Auto wurden, begannen wir, uns viel besser zu organisieren und zu koordinieren. Rückblickend kann ich kaum glauben, dass wir einmal verstopfte Straßen und Staus akzeptiert haben, ganz zu schweigen von der Luftverschmutzung durch Verbrennungsmotoren. Was haben wir uns dabei gedacht?

Manchmal benutze ich mein Fahrrad, wenn ich einige meiner Freunde besuche. Ich genieße die Bewegung und die Fahrt. Es bringt irgendwie die Seele mit auf die Reise. Komisch, dass manche Dinge nie ihre Spannung zu verlieren scheinen: Wandern, Radfahren, Kochen, Zeichnen und Pflanzenzucht. Das macht durchaus Sinn und erinnert uns daran, wie unsere Kultur aus einer engen Beziehung zur Natur entstanden ist.

Umweltprobleme scheinen weit weg

In unserer Stadt zahlen wir keine Miete, weil Andere unsere Räume nutzen, wenn wir sie nicht benötigen. Mein Wohnzimmer wird zum Beispiel für Geschäftstreffen genutzt, wenn ich nicht zu Hause bin.

Von Zeit zu Zeit, wenn ich für mich selbst kochen will, werden mir die notwendigen Küchengeräte innerhalb von Minuten an meine Tür geliefert. Seitdem der Transport von Waren kostenlos geworden ist, haben wir aufgehört, all diese Dinge in unser Haus zu stopfen. Warum sollten wir Kochtöpfe oder eine Kreppmaschine in unseren Schränken haben? Wir können sie einfach bestellen, wenn wir sie brauchen.

Das alles hat auch den Durchbruch der Kreislaufwirtschaft erleichtert. Wenn Produkte in Dienstleistungen umgewandelt werden, hat niemand ein Interesse an Dingen mit einer kurzen Lebensdauer. Alles ist auf Haltbarkeit, Reparierbarkeit und Recyclingfähigkeit ausgelegt. Die Materialien fließen in unserer Wirtschaft schneller und lassen sich recht einfach in neue Produkte umwandeln.

Umweltprobleme scheinen weit weg zu sein, da wir nur saubere Energie und saubere Produktionsmethoden nutzen. Die Luft ist sauber, das Wasser ist sauber, und niemand würde es wagen, die geschützten Gebiete der Natur anzurühren, weil sie einen solchen Wert für unser Wohlbefinden darstellen. In den Städten haben wir reichlich Grünflächen und überall Pflanzen und Bäume. Ich verstehe immer noch nicht, warum wir in der Vergangenheit alle freien Plätze in der Stadt mit Beton ausgefüllt haben.

Der Tod des Einkaufens

Einkaufen? Ich kann mich nicht wirklich erinnern, was das ist. Für die meisten von uns hat es sich in die Auswahl von Dingen verwandelt, die sie benutzen wollen. Manchmal macht mir das Spaß, und manchmal möchte ich einfach, dass der Algorithmus das für mich erledigt. Er kennt meinen Geschmack inzwischen besser als ich.

Als die KI und die Roboter so viel von unserer Arbeit übernahmen, hatten wir plötzlich Zeit, gut zu essen, gut zu schlafen und Zeit mit anderen Menschen zu verbringen. Das Konzept der Rush Hour machte keinen Sinn mehr, da die Arbeit, die wir tun, jederzeit erledigt werden kann. Ich weiß nicht wirklich, ob ich es noch Arbeit nennen würde. Es ist mehr wie Denkzeit, Schöpfungszeit und Entwicklungszeit.

Eine Zeit lang wurde alles in Unterhaltung verwandelt, und die Leute wollten sich nicht mit schwierigen Themen beschäftigen. Erst in letzter Minute fanden wir heraus, wie wir all diese neuen Technologien für bessere Zwecke nutzen konnten, als nur Zeit totzuschlagen.

Sie leben verschiedene Arten des Lebens außerhalb der Stadt

Meine größte Sorge sind all die Menschen, die nicht in unserer Stadt leben. Diejenigen, die wir auf dem Weg verloren haben. Diejenigen, die beschlossen haben, dass es zu viel wurde, all diese Technologie. Diejenigen, die sich rückständig und nutzlos fühlten, als Roboter und KI große Teile unserer Arbeit übernahmen. Diejenigen, die sich über das politische System ärgerten und sich gegen es wandten. Sie führen ein anderes Leben, außerhalb der Stadt. Einige haben kleine sich selbst versorgende Gemeinschaften gebildet. Andere blieben einfach in den leeren und verlassenen Häusern in kleinen Dörfern aus dem 19. Jahrhundert.

Ab und zu ärgere ich mich darüber, dass ich keine wirkliche Privatsphäre habe. Keinen Ort, wo ich hingehen kann, ohne registriert zu werden. Ich weiß, dass irgendwo alles was ich tue, denke und wovon ich träume, aufgezeichnet wird. Ich hoffe nur, dass es niemand gegen mich verwenden wird.

Alles in allem ist es ein gutes Leben. Viel besser als der Weg, auf dem wir uns befanden, wo es so klar wurde, dass wir nicht mit dem gleichen Wachstumsmodell weitermachen konnten. Es geschahen all diese schrecklichen Dinge: Lebensstil-Krankheiten, Klimawandel, die Flüchtlingskrise, Umweltzerstörung, völlig überfüllte Städte, Wasserverschmutzung, Luftverschmutzung, soziale Unruhen und Arbeitslosigkeit. Wir haben viel zu viele Menschen verloren, bevor uns klar wurde, dass wir die Dinge anders machen können.


Quelle Weltwirtschaftsforum: https://www.weforum.org/agenda/2016/11/shopping-i-can-t-really-remember-what-that-is/.

Dieser Artikel wurde auf der Webseite der Weltwirtschaftsforums (WEF) veröffentlicht und unterliegt der Creative Commons Lizenz, darf also unter Nennung der Originalquelle publiziert werden.

Don't be shellfish...Share on Google+Share on LinkedInTweet about this on TwitterEmail this to someoneShare on Facebook

Post navigation